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Für einige Augenblicke ist er ruhig.
"Stört es dich, wenn ich hier drinnen eine rauche?", fragt Henry
schliesslich. "Nein."
Ich höre, wie er die Leiter an seinem Bett herunterklettert. Es dauert, bis meine Augen ihn richtig sehen können. Er trägt nur Shorts. Ein paar kleinere Lichter wischen am Fenster vorrüber. Henry kramt das Päckchen Zigaretten aus seinem Rucksack hervor. "Willst du auch eine?" , fragt er. "Ja." Ich schiebe mit den Beinen die Bettdecke zurück und schwinge mich aus dem Bett. Er hält mir die Zigarette hin, ich greife sie. Dann macht er einen Schritt aufs Fenster zu und öffnet es , indem er es an einem Griff ein Stück weit nach unten schiebt. Kalte Luft strömt herein. Henry gibt mir mit einem Streichholz Feuer. Ein roter Punkt glüht in dem dunklen Abteil. Er steckt sich seine auch an. Wirft das Streichholz aus dem Fenster. Ich stelle mich neben ihn. Wir strecken unsere Köpfe ein paar Zentimeter nach draussen. "Weisst du" , sagt er laut, " Jens liebte Christine. Ich glaube, er hat noch nie zuvor jemanden so geliebt. Er tat alles für sie. Er holte sie überall ab, er fuhr sie überallhin. Du musst dir das vorstellen: Wenn sie ein Date mit irgendeinem Kerl hatte, dann durfte sie sich in seiner Wohnung duschen, herrichten und so weiter. Er sah ihr dabei zu. Und danach fuhr er sie sogar noch zu ihrem Date. Ich habe den Verdacht, dass sie sogar zum Bumsen in seine Wohnung ging. Allerdings, wenn er nicht da war." Wir ziehen unsere Köpfe ins Abteil zurück. Das T-Shirt fühlt sich an meiner Haut eiskalt an. Henrys Gesicht ist direkt vor mir. Ich kann jedoch seine Augen nicht sehen. Ein Fanatiker, ein Wahnsinniger, denke ich plötzlich. "Das Schwierige an der Geschichte war", sagt er, "dass er ihr nie sagte, dass er sie abgöttisch liebte. Dass er sie überhaupt liebte." Quelle: Lebert, Der Vogel ist ein Rabe.
KiWi, Köln, 2003.
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